Ich dachte lange, Narzissmus betrifft mich nicht
Eine persönliche Geschichte über die oft unsichtbaren Folgen narzisstischer Dynamiken in der Kindheit - und darüber, wie Verstehen den Weg zurück zur eigenen Identität eröffnen kann.
Wenn ein Thema immer wieder anklopft
Lange Zeit dachte ich, Narzissmus habe nichts mit mir zu tun.
Das betrifft andere. Nicht mich.
Und doch wurde ich mit diesem Thema immer wieder konfrontiert.
Durch unterschiedliche Menschen. In verschiedenen Situationen. In Gesprächen, Fortbildungen und Vorträgen tauchte es immer wieder auf.
Wirklich hellhörig wurde ich zum ersten Mal während einer Supervision.
Eine Kollegin schilderte ihre Situation. Sie arbeitete als Therapeutin in einer Einrichtung und war gleichzeitig dabei, sich eine eigene Praxis aufzubauen.
In ihrer Arbeit in der Einrichtung wirkte sie sicher, kompetent und klar in ihrem Tun. Doch sobald sie von ihrer Selbstständigkeit sprach, veränderte sich etwas.
Sie begann an sich zu zweifeln, hinterfragte ständig ihr Angebot, ihre Fähigkeiten und ihre Wirkung.
Sichtbarkeit machte ihr Angst. Klient:innen kamen – und gingen wieder. Verbindung entstand und brach wieder ab. Es fiel ihr schwer, in ihrer eigenen Klarheit zu bleiben.
Während sie sprach, hatte ich plötzlich das Gefühl:
Sie beschreibt gerade mein eigenes Erleben.
Genau so fühlte sich mein Weg in die Selbstständigkeit an. Unsicherheit. Innerer Druck. Das Gefühl, nie wirklich zu wissen, ob ich „genug“ bin.
Mich mit meiner Arbeit zu zeigen, fühlte sich oft bedrohlich an.
Fast beiläufig erwähnte die Kollegin am Ende:
„Vielleicht sollte ich noch sagen, dass mein Vater Narzisst war.“
Die Supervisorin antwortete ruhig:
„Mit diesem Hintergrund ist es mutig, dass Sie sich überhaupt selbstständig gemacht haben.“
Dieser Satz blieb in mir hängen.
Zum ersten Mal entstand ein leises Gefühl:
Vielleicht hat das auch etwas mit mir zu tun.
Damals wusste ich noch nicht, wonach ich eigentlich suchte. Ich hatte keine Sprache dafür.
Nur dieses diffuse Gefühl, dass da etwas in mir ist, das ich noch nicht erkennen konnte.
Als narzistische Dynamiken plötzlich Sinn ergaben
Einige Zeit später begegnete mir das Thema erneut.
Eine Kollegin, die gerade aus einer langjährigen narzisstischen Beziehung kam, fragte mich,
ob ich sie als Buddy in einer therapeutischen Gruppe zum Thema Narzissmus begleiten möchte.
Ich sagte zu.
Nicht nur aus Interesse.
Sondern auch, weil ich spürte, wie sehr mich diese Dynamiken innerlich berührten.
Ich konnte vieles sofort nachvollziehen – nicht nur mit dem Verstand, sondern auf einer tieferen Ebene.
Die Schwere. Die Unsicherheit. Dieses ständige Sich-selbst-Hinterfragen. Das Gefühl, nie wirklich sicher zu sein.
Und trotzdem dachte ich noch immer:
„Das hat doch nichts mit mir zu tun.“
Bis sich nach längerem Lesen, Forschen und Nachdenken langsam ein Gedanke in mir breit machte.
Wenn, dann vielleicht verdeckt. Ganz subtil. Kaum bemerkbar.
Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los.
Ich begann weiter zu lesen, zu recherchieren und Zusammenhänge zu erforschen.
Dabei stieß ich auf den Begriff des vulnerablen fragilen Narzissmus.
Plötzlich ergab vieles Sinn.
Ich erkannte Muster wieder. Mein eigenes Erleben. Die Dynamiken in meiner Familie. Meine Mutter.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl:
Das kenne ich.
Das, was ich in meiner Kindheit erlebt und gefühlt habe, war vielleicht nie „falsch“.
Ich begann zu verstehen, wie narzisstische Dynamiken in der Kindheit unser Bindungserleben, unser Nervensystem und unser Selbstbild bis ins Erwachsenenalter prägen können.
Wie Bindung und Nervensystem unser Erleben prägen
Kinder stellen sich in solchen Dynamiken häufig selbst zurück. Nicht, weil sie schwach sind. Sondern weil Bindung existenziell ist.
Sie passen sich an, werden leiser, beobachten genau, was erwartet wird.
Das Nervensystem lernt früh:
Anpassung bedeutet Sicherheit.
„Wir lernen über unsere frühen Bindungspersonen, wie sich Kontakt und Verbindung anfühlen.“
Wenn ein Kind mit einer narzisstischen oder emotional nicht wirklich erreichbaren Bindungsperson aufwächst, entsteht oft tiefe Verunsicherung.
Nähe fühlt sich dann nicht wirklich sicher an. Verbindung kann gleichzeitig Sehnsucht und Stress auslösen.
Viele Betroffene suchen später Sicherheit im Kontakt mit anderen Menschen – und erleben gleichzeitig Angst, Druck oder Überforderung.
Nicht, weil mit ihnen etwas nicht stimmt.
Sondern weil ihr Nervensystem nie lernen konnte, wie sich sicherer Kontakt anfühlt.
Die offene Tür
Besonders berührt hat mich später der Titel eines Buches:
„Vom Verbot, du selbst zu sein.“
Auf dem Titelbild ist ein Vogel in einem Käfig zu sehen. Eine Hand hält den Käfig mit zwei Fingern fest - ein Bild, das für mich etwas von Kontrolle und Macht ausdrückt.
Es berührte mich sehr, denn so fühlte ich mich lange Zeit, Ich spürte die Enge, die dieses Bild in mir auslöste.
Nachdem ich mich intensiver mit dem Thema beschäftigt hatte, entstand in mir ein anderes Bild - das Bild einer offenen Käfigtür.
Ich sah den Vogel vor einer offenen Käfigtür. Die Tür steht offen. Und trotzdem bleibt der Vogel sitzen.
Dieses Bild ging mir lange nach.
Denn genau so fühlte es sich für mich an.
Plötzlich waren da Informationen. Zusammenhänge. Erklärungen. Ein Verstehen dessen, was mich so viele Jahre geprägt hatte.
Und gleichzeitig entstand etwas Neues: ein leiser Impuls von Freiheit.
Doch mit ihm kamen auch Fragen:
Was mache ich jetzt mit diesem Wissen?
Wer bin ich eigentlich?
Was davon bin wirklich ich – und was habe ich gelernt, um mich anzupassen?
Wie fühlt sich ein Leben an, das sich an meinen eigenen Bedürfnissen orientiert?
Was sind meine Bedürfnisse?
Die offene Käfigtür wurde für mich zu einer Metapher.
Nicht dafür, dass plötzlich alles leicht wird.
Sondern dafür, dass Freiheit zunächst auch verunsichern kann.
Denn wenn man von klein auf gelernt hat, sich an andere anzupassen, ihre Erwartungen zu erfüllen und Konflikte zu vermeiden,
führt die offene Käfigtür nicht sofort in die Freiheit.
Stattdessen kann das Gefühl entstehen, die eigene Identität verloren zu haben - oder sie vielleicht nie wirklich gekannt zu haben.
Die eigenen Bedürfnisse wurden so lange zurückgestellt, dass sie kaum noch spürbar sind.
Genau hier begann die eigentliche Reise:
Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr versuche, den Erwartungen anderer zu entsprechen?
Was sind meine eigenen Bedürfnisse?
Die leisen Botschaften
Ich begann zu verstehen, wie subtil solche Dynamiken oft sind.
Nach außen wirken vulnerabel, fragile Menschen mit starken narzisstischen Anteilen oder narzisstisch geprägten Verhaltensmustern häufig bescheiden,
hilfsbereit oder selbstlos. Doch darunter kann ein tiefes Bedürfnis nach Kontrolle, Anerkennung und Bestätigung liegen.
Was diese Erfahrungen oft so schwer greifbar macht, ist, dass sie selten laut sind.
Es gibt nichts, was man eindeutig benennen könnte. Kein Schlagen. Kein Anschreien. Keine offensichtlichen Beleidigungen.
Stattdessen sind es die leisen Erfahrungen, die sich tief einprägen: emotionale Abwesenheit.
Ein Blick voller Verachtung. Schweigen. Kälte. Abwendung.Oder das Gefühl, nie wirklich gut genug zu sein und gesehen zu werden.
Gerade weil diese Verletzungen so subtil sind, beginnen viele Kinder irgendwann, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln.
Viele Betroffene fragen sich später nicht: „.War das verletzend?“, sondern: „Bin ich zu empfindlich?“
Ein Kind denkt nicht: "Das Verhalten der Bezugsperson ist verletzend ."
Es sucht die Ursache bei sich selbst.
Ich bin zu empfindlich.
Ich bin nicht richtig.
Ich muss mich mehr anpassen.
Ich muss anders sein.
So entstehen tiefe innere Überzeugungen, die sich tief im Nervensystem verankern. Sie werden zu inneren Mustern und prägen, wie wir uns selbst sehen,
wie wir Beziehungen erleben und wie wir durchs Leben gehen.
Das Unsichtbare lässt sich oft schwer in Worte fassen - und genau deshalb zweifeln viele Betroffene lange daran, ob das, was sie erlebt haben, überhaupt verletztend war.
Man trägt diese Prägungen bis ins Erwachsenenleben in sich, ohne zu verstehen, woher das Gefühlt kommt.
Sätze wie:
„Ich meine es doch nur gut mit dir.“
„Du wärst damit überfordert gewesen.“
„Ich opfere mich doch nur für euch auf.“
„Du wirst schon sehen, was du davon hast.“
„Nach allem, was ich für dich getan habe.“
„Ich will doch nur dein Bestes.“
„Du bist einfach zu empfindlich.“
Klingen manchmal fürsorglich, besorgt oder liebevoll – und hinterlassen doch oft ein Kind, das lernt, den eigenen Wahrnehmungen nicht mehr zu vertrauen.
Mit der Zeit entsteht häufig eine tiefe Verunsicherung. Eigene Gefühle werden hinterfragt. Bedürfnisse werden zurückgestellt.
Entscheidungen werden lieber an anderen ausgerichtet als an der eigenen inneren Stimme.
Nicht, weil das Kind schwach ist.
Sondern weil es gelernt hat, dass Zugehörigkeit und Sicherheit wichtiger sind als die eigene Wahrheit.
Heute verstehe ich vieles anders
Nicht als Schuldzuweisung.
Nicht als Anklage.
Sondern als Versuch, Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Denn wenn Gefühle, Bedürfnisse und Wahrnehmungen über lange Zeit nicht gesehen, abgewertet oder verdreht werden,
beginnt man irgendwann, sich selbst in Frage zu stellen und glaubt nicht mehr.
Und genau das wirkt oft bis ins Erwachsenenleben weiter:
in Beziehungen,
im Beruf,
im Umgang mit Grenzen –
und auch darin, wie sicher oder unsicher wir uns in uns selbst fühlen.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl:
Dass du dich ständig hinterfragst.
Dass Sichtbarkeit Stress auslöst, obwohl du eigentlich gesehen werden möchtest.
Dass du dich anpasst, obwohl etwas in dir spürt, dass es dich Kraft kostet.
Dann möchte ich dir sagen:
Mit dir ist nichts falsch.
Manche Muster entstehen nicht, weil wir schwach sind. Sondern weil unser Nervensystem gelernt hat, dass Anpassung Sicherheit bedeutet.
Und manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem großen Schritt.
Sondern mit dem Moment, in dem wir beginnen zu verstehen, was uns geprägt hat.
Vielleicht erkennst du dich in manchen Gedanken wieder.
Vielleicht beginnt auch für dich Veränderung nicht mit einer Antwort, sondern mit einer neuen Frage:
Wer bin ich - jenseits von Anpassung und alten Überlebensstrategien?
Wenn dich dieses Thema berührt, findest du hier weitere Artikel über Bindung, Selbstwert und traumasensibles Coaching.