Ich war vielleicht neun oder zehn Jahre alt.
Meine Lehrerin schlug vor, mich aufs Gymnasium zu schicken.
Ich erinnere mich nicht an ihre Worte, nur an den Ton. Freundlich. Ermutigend.
Als würde sie etwas in mir sehen, das größer ist als ich selbst.
Ich war so stolz - und voller Freude.
Nach einem Elterngespräch sagte meine Mutter zu Hause nur:
„Das ist nichts für dich.“
Kein Vorwurf. Kein Gespräch. Keine Frage.
Nur dieses kleine, beiläufige Nein.
Und doch war es wie eine Tür, die sich schloss — still, ohne Geräusch, aber endgültig für mich.
Ich fragte nicht nach.
Ich wartete nicht auf eine Erklärung.
Ein Teil von mir wusste, dass keine kommen würde.
Damals habe ich nicht verstanden, was in mir verletzt wurde.
Heute weiß ich:
Es war nicht die Entscheidung. Es war das Nicht-Gesehenwerden.
Das Gefühl:
„Meine Bedürfnisse und Wünsche haben keinen Platz.“
„Meine Freude ist nicht erwünscht.“
„Ich selbst bin nicht wichtig.“
Und etwas in mir kippte – Die Freude verstummte und an ihre Stelle trat Selbstzweifel
Die Mutter, die „nur das Beste will“
Viele kennen Narzissmus laut, fordernd, selbstsüchtig, egozentrisch.
Doch es gibt auch die leise, subtile, fragile Form:
unsicher, abhängig von Anerkennung, kontrollierende Überfürsorge - „Ich weiß, was gut für dich ist.“
Sätze wie:
Sei zufrieden.
Ich will dich doch nur schützen.
Du wärst überfordert gewesen.
klingen liebevoll und doch entwerten sie innerlich das Kind seine Wahrnehmung, seine Kompetenz, sein eigenes Erleben.
Nicht die Absicht verletzt, sondern die Unsichtbarkeit des eigenen Inneren.
Kinder beginnen dann sich selbst zurückzunehmen:
Aus Loyalität.
Aus Liebe.
Um nicht noch mehr Instabilität zu spüren.
Die unsichtbare Botschaft lautet:
„Ich darf nicht ich sein, sonst verliere ich die Bindung.“
Innere Stimme – äußeres Schweigen
Ich habe nie gelernt, meine Wünsche und Bedürfnisse laut auszusprechen.
Ich habe gelernt, sie zu vergraben — so tief, dass ich sie irgendwann selbst nicht mehr spüren konnte.
Schweigen wurde zur Anpassung.
Anpassung wurde zur Überlegensstrategie.
Und Überlebensstrategien lösen sich nicht einfach auf, nur weil wir erwachsen werden.
Er zeigen sich neu — in:
Funktionieren.
Aushalten.
Anpassen.
Nicht auffallen.
Die Botschaft des „Alten“ ist im Körper gespeichert – nicht im Kopf, sondern im Nervensystem.
Mein Nervensystem hat gelernt:
Freiheit ist gefährlich. Anpassung ist sicher.
Die Vergangenheit lässt sich nicht ungeschehen machen.
Aber die Beziehung zu dem, was damals ins uns entstand, kann sich verändern.
Lange glaubte ich:
„Vielleicht wäre ich wirklich überfordert gewesen.“
„Es war besser so“
Heute weiß ich:
Das war ein Schutz, um den Schmerz nicht fühlen zu müssen.
Ich blieb damit allein.
Heute kann ich anerkennen:
Ein Teil von mir hätte mehr gebraucht — nicht Druck, sondern Begleitung.
Ein echtes Gegenüber.
Co-Regulation. Gehaltenwerden.
Und heute darf ich mir selbst dieses Gegenüber werden:
lernen was ich brauche,
was ich fühle,
anerkennen von dem was ist und wieder Kontakt mit meinen Bedürfnissen ausnehmen.
Eine Einladung an dich
Wenn du beim Lesen ein Echo in dir gespürt hast — vielleicht leise, vielleicht noch zaghaft — dann möchte ich dir sagen:
Mit dir ist nichts falsch.
Mir dir war nie etwas falsch.
Wenn du früher keine Stimme hattest, war das nicht Schwäche.
Es war Anpassung, um Bindung zu sichern.
Ein inneres Ja zum Überleben.
Heute darf ein anderes Ja entstehen:
Ein sanftes JA zu dir selbst.
Nicht durch Druck.
Nicht durch „Reiß dich zusammen“.
Sondern mit Hinspüren, mit der feinen Zuwendung zu dir selbst:
- Was hätte ich damals gebraucht?
- Was brauche ich heute, um mich sicher zu fühlen?
- Wo in meinem Körper spüre ich ein Ja – und wo ein altes Nein?
Manchmal ist der erste Schritt kein Tun, sondern die stille Rückkehr zu dir selbst.
Wenn du möchtest, begleite ich dich auf diesem Weg — raus aus dem leisen inneren Nein, hinein in ein ehrliches, sanftes Ja zu dir selbst.